Mallorca: Stau wegen Radfahrern?
In der Hochsaison des Radsports auf Mallorca kommt es zu Konflikten mit der täglichen Blechlawine. Meine Reaktion auf eine aktuelle Schlagzeile.
Radfahrer auf Mallorca verstopfen Gebirgsstraßen
Zugegeben: Der Rad-Tourismus auf der Insel nimmt, insbesondere wenn die ersten Tage mit stabil freundlichem Wetter kommen, und insbesondere jetzt in den Osterferien, extreme Formen an. Guides mit großen Gruppen aller Leistungsklassen von zum Teil 20 Fahrern oder mehr sind unterwegs. Man hört diese Schwärme schon aus der Entfernung, wenn sie sich von hinten nähern oder sieht sie vor sich, wenn man sich eine Strategie zurechtlegt, wie man einen solchen Pulk überholen kann. Als schnellerer Radfahrer, wohlgemerkt.
Mit Bezug auf den Artikel des Mallorca-Magazins muss aber gesagt werden, dass es zunächst einmal die Autos sind, die hier für Verstopfung sorgen. Nicht nur auf dem Autobahnring, sondern auf allen Strecken, die zu den beliebten Touri-Zielen führen, ist dies offensichtlich. Auch ohne Radfahrer. Wurde kürzlich erst wieder in den lokalen Medien am Beispiel Soller-Tunnel berichtet. Freilich gibt es Straßen, und das sind vornehmlich die in der Tramuntana, auf denen sich beide Gruppen gegenseitig die Luft abschnüren. Schließlich steuern auch Hürzeler & Co. dieselben Postkarten-Ziele auf ihren (nicht nur sonntäglichen) Königsetappen an. Ich für meinen Teil fahre diese Rennrad-Strecken so gut wie gar nicht. Ich bin in Revieren unterwegs, in denen ich auch in der Hochzeit kaum anderen Radlern oder gar PKW begegne. Beim Durchqueren des einen oder anderen Hotspots mache ich dennoch die eingangs geschilderten Erfahrungen.
Eines muss noch klar gesagt werden: Diese Gruppenstärke ist bei den Radfahrern auf Mallorca nicht die Regel, erst recht nicht ganzjährig und bei jedem Wetter. Bei Sonne in den Osterferien erreicht das Problem aber seinen Höhepunkt; unterdessen reichen auch kleinere Radfahrer-Gruppen, auch bei weniger Verkehr, für Konflikte auf dem Straßen.
Zu den im Artikel angesprochenen gesetzlichen Regelungen:
Der Mindestabstand von 1,5 Metern beim Überholen von Radfahrern ist in Spanien seit vielen Jahren gesetzlich verankert; die Reform durch Ley 18/2021 hat vor allem die Pflicht zum vollständigen Spurwechsel und die Sanktionen verschärft, das Prinzip aber nicht neu eingeführt (vgl. BOE Ley 18/2021, Art. 35.4). Wer diesen Abstand beim Überholen von Radfahrern missachtet, riskiert inzwischen 200 € Bußgeld und einen deutlichen Punkteabzug.
Auch das Fahren von Radfahrern in Zweierreihe ist nicht neu, sondern seit dem Reglamento General de Circulación 2003 ausdrücklich erlaubt, solange sie möglichst weit rechts fahren und keine „Aglomerationen“ bilden, die den Verkehr unverhältnismäßig behindern (vgl. Real Decreto 1428/2003, RGC, Normas de circulación para bicicletas).
Vergleichbare Regeln gelten übrigens auch in Deutschland: Seit der StVO‑Novelle 2020 sind beim Überholen von Radfahrenden mindestens 1,5 m innerorts und 2 m außerorts vorgeschrieben (§ 5 Abs. 4 StVO), und das Nebeneinanderfahren von Radfahrenden ist ausdrücklich erlaubt, solange der übrige Verkehr nicht behindert wird (§ 2 Abs. 4 StVO).
Ich muss deutlich sagen, dass ich das Verhalten vieler Radfahrer-Gruppen selbst nicht nachvollziehen kann. Erstens scheint es manche überhaupt nicht zu stören, auf der Straße zu fahren, wo es sehr gefährlich ist, aber sichere und schnelle Alternativen möglich wären. Und in der Tat kann das Gebaren auf der Straße arrogant wirken, nicht nur gegenüber Autofahrern. Recht ist indes Recht - aber wann nehmen es die Gruppen in Zweierreihe bewusst in Kauf, zum Hindernis zu werden? Darauf anlegen wird es niemand. Wer einmal im Sattel gesessen hat, weiß, wie es sich anfühlt, mit Leib und Leben darauf angewiesen zu sein, dass der Autofahrer nüchtern ist und die Augen aufhält. Aber ein gewisser Trotz und übersteigerter Stolz mag manch einem Radsportler zu attestieren sein.
Die Profi-, Lizenzfahrer- und Master-Gruppen, die auf Mallorca zahlreich unterwegs sind, wissen schon besser, wie es geht, und sie haben auch die fahrerischen Fähigkeiten dafür. Ihr Erscheinungsbild und Auftreten sorgt womöglich auch für mehr Respekt als das des typischen Radtouristen des Typs “dicker Mann auf dünnen Rädern” ;)
Nun aber zum Schluss noch eine überraschende Wendung: Man kennt die Konfliktsituation aus den Serpentinen auch exakt anders herum, und hierfür reicht schon ein Mietwagen auf einem einsamen Bergpass, es bedarf nicht mal der Blechlawine. Wie oft schon rollte ich fluchend und lamentierend mit den Händen an der Bremse, die Abgase in Nase, hinter einem Ausflügler her und musste beklagen, dass die nach der Kletterpartie hoch verdiente, genussvolle Abfahrt blockiert wurde - von Anfang bis Ende und ohne Entrinnen. Wenn es nämlich der Radsportler ist, der auf der kurvenreichen Abfahrt vom Auto ausgebremst wird und keine Chance zum Überholen hat. Auch dies gehört zum Alltag der gemeinsamen Straßennutzung. Punkt. Habe fertig ;)


